Diskussion um den Klingeltunnel: Absurde Gängelungen
Zum „ADFC will Geisterradeln erlaubt sehen“ (Klingeltunnel vom 1. September): Wie radle ich aus der Mellingerstraße in die Marienburger Straße in Höhe des Überganges Freiherr-vom-Stein-Straße weiter? Links? Dann falle ich dem Polizisten in die Arme. Die Verkehrsführung schreibt hier nur das Rechtsabbiegen in Richtung Kirche St. Joseph vor. Hier an der Ampel Silberfundstraße auf die rechte Seite der Marienburger Straße und weiter an dem Schild „zum Klingeltunnel nächste Ampel“ vorbei. Wer radelt bereits so? Manfred Glombik, Hildesheim * In vielen Köpfen unserer Autofahrergesellschaft gilt das Fahrrad immer noch nicht als das schnellste, praktischste, gesündeste und umweltfreundlichste Mittel des innerstädtischen Personenverkehrs für jedermann, sondern immer noch als ein lästiges Spielzeug minderbemittelter Tagediebe, die sonst nichts zu tun haben und nirgendwo hin müssen. Und da man dem Radfahrer keine positive Tätigkeit zutraut, gesteht man ihm auch keine zielgerichtete und zügige Teilnahme am Straßenverkehr zu. Man lässt ihn beim Linksabbiegen zweimal warten, man verdrängt ihn von den (zugeparkten und überquellenden) Straßen auf verrückte „Ausweichrouten“ (Kreuzstraße) oder in den edlen Wettstreit mit Fußgängern und Kinderwagen (PvH), und man mutet ihm absurde Schikanen zu (Klingeltunnel). Wen wundert es, dass mehr und mehr Radfahrer Ordnung Ordnung sein lassen und sich unter Gebrauch des Menschenverstandes ihre eigene Route suchen? Die Ordnungshüter, die man jetzt zu Hilfe holt, können nichts anderes tun als die bestehende Ordnung durchzusetzen, das ist ihr Beruf. Dies ist für alle Beteiligten unangenehm und nützt niemandem, denn die Ordnung liegt im Argen. Es ist an der Zeit, die erwähnte Ordnung unter Gebrauch des erwähnten Menschenverstandes gründlich zu überarbeiten und insbesondere die absurden Gängelungen der Radfahrer zu überdenken. Würde man durch intelligente Lösungen zehn Prozent der Kurzstrecken-Autofahrer zum Radfahren ermutigen, könnte man unsere Stadt lebenswerter machen, ohne irgendjemandem wehzutun. Die Linksabbiegerregelung am Goschentor ist ein Schritt in die richtige Richtung: es geht, wenn man will. Und die HAZ sollte konstruktiv über Vorschläge zu Stadtrouten und Neuerungen berichten und so zur Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses und der Lebensqualität beitragen. Professor Dr. Bernd Rieck, Hildesheim * Ich bin seit Jahren begeisterter Fahrrad- und Autofahrer und verstehe es sehr wohl, wenn einerseits der ADAC und andererseits der ADFC Interessen seiner Mitglieder vertritt, wobei allerdings die jeweilige Mitgliederzahl relativierend in die Betrachtung einbezogen werden sollte. Fakt ist, dass die Fahrradfahrer zu den schwächeren Verkehrsteilnehmern gehören. Gibt das aber das Recht, sich derartig rücksichts- und regellos im Verkehr zu bewegen, wie es regelmäßig zu beobachten ist? Man nehme nur die Straßen Marienburger Höhe und Hohnsen, wie dort umfangreich gegen alle Regeln verstoßen und „Geisterfahren“ auf den Radwegen praktiziert wird. Die Nutzung von Bürgersteigen durch erwachsene Radfahrer oder das Nachtfahren ohne eingeschaltete Beleuchtung ergänzen dieses Bild. Hier sollte richtungweisend gewirkt werden, beim Verhalten! Nicht bei jeder kleineren Schwierigkeit sofort einseitig Regeländerungen für die eigene (kleine) Klientel fordern.“ Gunther W. Kebernik, Hildesheim * Im Kommentar steht, dass Radfahrer im Klingeltunnel häufig und tagtäglich die Gegenfahrbahn schneiden, obwohl sie das nicht dürfen – „Frei nach dem Motto: Weg da, jetzt komme ich!“. Das gleiche Fehlverhalten hat sich über Jahre ebenfalls bei den Autofahrern eingebürgert. Ich habe Verkehrsminister Walter Hirche schriftlich darum gebeten, „die Polizei anzuweisen, einmal gegen Kurvenschneider und gegen Kraftfahrer vorzugehen, die durchgezogene weiße Linien auf den Straßen mutwillig und aus reiner Nachlässigkeit überfahren“ und die Notwendigkeit angemahnt, Aufklärungsarbeit über den ADAC zu leisten. Er hat mich an Innenminister Uwe Schünemann verwiesen. Im Antwortschreiben seines Landespräsidiums heißt es dazu: „Das unzulässige Überfahren ,durchgezogener weißer Linien‘ oder ,Kurvenschneiden‘ ist … in der Unfallstatistik nicht relevant.“ Von daher wird in diesem Themenbereich keine Initiative oder anderweitig priorisierte Aufklärungs- oder Überwachungstätigkeit durch die niedersächsische Polizei erfolgen. Wenn Fahrzeuglenker sich in Lkw und Pkw so verkehrswidrig verhalten, tun sie es auch auf dem Fahrrad und sind dann schlechte Vorbilder für unsere Kinder und Jugendlichen! Hartmut Vogel, Bad Salzdetfurth * Als Sofortmaßnahme müssen im Klingel-Tunnel große Spiegel angebracht werden, bei denen man sieht, wer und was auf einen zukommt. Dies ist für Fußgänger und Radfahrer wichtig, damit sie sich sicherer fühlen können. Der übliche Verweis der Stadt, dass es vor 25 Jahren mal Spiegel gegeben hat und diese damals zerstört worden sind, ist fehl am Platze. Heute wird es Spiegel geben, die nicht einfach zerstörbar sind. Mir hat es bei den Zusammenstößen, die ich im Tunnel hatte, nichts genutzt, dass ich langsam gefahren bin, geklingelt habe; Vor-Sicht setzt voraus, dass man voraus sehen kann. Michael Rothschuh, Hildesheim * Erst im Juni 2007 bin ich auf die Marienburger Höhe (Universität) gezogen. Da ich in der Innenstadt arbeite, habe ich mich jeden Tag als Geisterfahrerin verhalten. Nach der Info in der HAZ habe ich mich umgehend an die vorgeschriebene Überquerung der Marienburger Straße zum Klingeltunnel gehalten. Aber es ist eine Zumutung, als Radfahrerin endlos an der Ampel auf Grün warten zu müssen. Ich habe den Eindruck, dass diese Ampel auf die Autofahrer als besondere Verkehrsteilnehmer zugeschnitten ist. An der Ampel unmittelbar nach der Freiherr-vom-Stein-Straße habe ich immer nur kurz warten müssen, da hier auch Fußgänger die Straße überqueren. Also habe ich mir eine Alternative gesucht. Über den Großen Saatner zum Lönswäldchen, aber die Straße am Roten Steine ist ja eine echte Zumutung. Ein Schlagloch neben dem anderen. Die Fahrt durch das Lönswäldchen ist bei schönem Wetter herrlich, aber wenn der Boden durchgeweicht ist, kann man nicht mehr ins Büro fahren, sondern muss sich erstmal umziehen. Als Ausweichweg die Wiesenstraße zu nutzen ist auch fatal, denn das Fahren auf dem Kopfsteinpflaster macht keine Freude. Fazit ist für mich: Radfahrer werden in Hildesheim echt sträflich behandelt, was nützt die Abzocke, ein runder Tisch muss her, um die Belange der Radfahrer zu klären. Der ADFC hat sich in der Vergangenheit oft zu Wort gemeldet, aber die Umsetzung scheint nicht ausreichend zu sein. Mechthild Jackwerth, Hildesheim |